Friday, 10th April 2020
10 April 2020

Hörmann: Neuer WADA-Präsident soll «harte Linie» vertreten

Das Krisenmanagement im russischen Doping-Skandal hat die Welt-Anti-Doping-Agentur Glaubwürdigkeit gekostet und die Forderungen nach einer WADA-Reform bestärkt. Veränderungen sind beschlossen, ein neuer Präsident wird gewählt. Kommt die WADA aus der Krise?

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Frankfurt/Main (dpa) – Die Welt-Anti-Doping-Agentur ist durch den russischen Doping-Skandal in eine tiefe Krise gerutscht. Mit einem neuen Präsidenten und Reformen sollen verlorene Glaubwürdigkeit zurückgewonnen und Zweifel an der Unabhängigkeit beseitigt werden.

Kann dies mit einem WADA-Chef gelingen, der von den Geldgebern aus der Politik gewählt wird, und mit einer strukturellen Neuausrichtung, die Kritiker höchstens als Reförmchen ansehen?

Viel wird davon abhängen, wie unabhängig der Nachfolger des Amtsinhabers Craig Reedie die WADA führen wird. Der Europarat wählt am Mittwoch in Luxemburg den europäischen Präsidenten-Kandidaten. Bewerber sind Linda Helleland (Norwegen), Witold Banka (Polen) und Philippe Muyters (Belgien). Der amerikanische Kontinent schickt den früheren Langstreckenschwimmer Marcos Diaz (Dominikanische Republik) ins Rennen, weitere Kandidaturen bis zur Wahl im November bei der Welt-Anti-Doping-Konferenz in Kattowitz/Polen sind noch möglich.

«Uns ist vor allem wichtig, dass der neue Präsident oder die neue Präsidentin eine klare und harte Linie vertritt, diese mit seinem Team auch jeweils zeitnah und konsequent umsetzt und unabhängig agiert», nannte DOSB-Präsident Alfons Hörmann die Kriterien des Deutschen Olympischen Sportbundes für den künftigen WADA-Chef.

Hart ins Gericht geht er mit Sir Craig Reedie (77), der seit 1. Januar 2014 Präsident der Agentur in Montreal ist und für sein umstrittenes Management der Causa Russland stark kritisiert wird. «Die Wahrnehmung seines Wirkens hat aufgrund der zahlreichen fragwürdigen Entscheidungen stark gelitten, was sehr zu bedauern ist», sagte Hörmann. «Denn gerade solche Krisen wären zugleich eine gute Chance, das Vertrauen in eine weltweite Organisation zu stärken, wenn dort professionell agiert wird.» Dies sei Reedie nicht gelungen.

Auch die Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur bilanziert die Reedie-Ära negativ. «Bei so einem großen Dopingskandal hat sich gezeigt, wie wichtig die Unabhängigkeit für die WADA ist», sagte Andrea Gotzmann. «Ich bewerte die Amtszeit von Reedie als «unglücklich». Viele Dinge hat er nicht erkannt oder zu spät darauf reagiert.» Zahlreiche Athleten, die für den sauberen Sport stehen, hätten «ihn nicht an ihrer Seite» gesehen.

Wie weit es möglich ist, den Argwohn vieler Athleten gegen die WADA abzubauen, wird wesentlich mit dem Reedie-Nachfolger verknüpft sein. Bei einer Probeabstimmung des europäischen Ad-hoc-Komitees hatte Banka 28 von 49 Stimmen erhalten, 16 bekam Helleland, Muyters 5. Hellelands Ziel sei es, die Schwachstellen in der WADA anzugehen und sich für die sauberen Athleten zu engagieren, sagte Gotzmann. Minister Banka sei mehr auf «Dialog und Konsens» bedacht. «Ich finde es gut und notwendig, frischen Wind reinzubringen», betonte sie.

Nicht ganz zufrieden ist sie mit den Veränderungen der Organisations- und Führungsstrukturen, um die sie in einer WADA-Arbeitsgruppe mit gerungen hat. «Was wir sehen, sind die Interessenskonflikte, weil sich der Sport selbst reguliert», sagte Gotzmann. «Es wird Änderungen geben, aber nicht in dem Umfang, wie ich es mir gewünscht hätte.»

Zu den Neuerungen gehört, dass im WADA-Exekutivkomitee zu dem Präsidenten und dem Vizepräsidenten, den jeweils fünf Mitgliedern aus Sport und Politik zwei unabhängige Experten mit vollem Stimmrecht hinzukommen. Zukünftig wird es auch eine unabhängige Ethikkommission und ein Nominierungskomitee geben, das Anwärter für die Kommissionen überprüfen soll. «Für mich ist dennoch eine große Chance vertan worden, da mehr zu erreichen gewesen wäre», so Gotzmann.

Eine wichtige Forderung, einen unabhängigen Experten und keinen Interessenvertreter von Sport oder Politik an die Spitze der WADA zu stellen, wurde nicht erfüllt. «Ein unabhängiger Präsident wäre wohl wünschenswert, ist aber eben nur sehr schwer machbar», sagte Hörmann.

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